Predigt zu Exodus 14,19–31:: 13.09.2026
1 Einleitung
Wir haben heute ziemlich große Bilder gehört. Ein Meer, das sich teilt. – Davon hören wir gleich (Ex 14,19-31)
Berge, die hüpfen wie junge Lämmer. Eine Erde, die vor Gott tanzen soll. (Ps 114)
Und Maria, die davon singt, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Unbedeutenden groß macht. (Lk 1,36-57)
Große Bilder.
Bilder von Befreiung.
Und vielleicht denken wir bei dem Wort „Freiheit“ zunächst an etwas ganz anderes.
Freiheit – das ist für uns: Ich kann selbst entscheiden. Ich kann meinen Weg gehen.
Ich darf sagen, was ich denke. Ich darf mein Leben gestalten.
Freiheit heißt: Niemand bestimmt über mich.
Das ist nicht falsch.
Aber die Bibel erzählt von Freiheit zunächst gar nicht als einem Zustand.
Sie erzählt von Befreiung.
2 Predigttext Ex 14,19-31
19 Dann erhob sich der Engel Gottes.
Bisher war er an der Spitze der Israeliten gegangen.
Jetzt ging er zu ihrem Schutz hinter ihnen her.
Auch die Wolkensäule entfernte sich von der Spitze und trat hinter die Israeliten.
20 Sie stand zwischen den Ägyptern und den Israeliten.
So kamen sie die ganze Nacht einander nicht näher.
Die Wolke ließ es stockdunkel werden, und die Feuersäule erleuchtete die Nacht.
Israel erfährt Gottes Hilfe
21 Mose streckte die Hand aus über das Meer.
Da trieb der Herr das Meer die ganze Nacht durch einen Ostwind zurück.
Er machte das Meer zum trockenen Land, und das Wasser teilte sich.
22 So konnten die Israeliten auf trockenem Boden mitten durch das Meer ziehen.
Das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.
23 Die Ägypter aber verfolgten sie. Sie jagten hinter ihnen her mitten in das Meer –
alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter.
24 Kurz vor Morgengrauen sah der Herr nach den Ägyptern.
Er blickte aus der Feuer- und Wolkensäule auf sie
und brachte das Heer der Ägypter in Verwirrung.
25 Er bremste die Räder ihrer Streitwagen. Sie kamen nur mit Mühe voran.
Da sprachen die Ägypter: »Lasst uns vor Israel fliehen!
Denn der Herr kämpft für sie gegen Ägypten.«
26 Darauf sagte der Herr zu Mose: »Strecke die Hand aus über das Meer!
Das Wasser soll über die Ägypter zurückfluten –
über ihre Streitwagen und über ihre Reiter.«
27 Mose streckte die Hand aus über das Meer.
Da flutete das Wasser gegen Morgen wieder zurück.
Die Ägypter aber flohen dem Wasser entgegen.
So stürzte der Herr die Ägypter mitten ins Meer.
28 Das Wasser flutete zurück und bedeckte Wagen und Reiter.
Das ganze Heer, das dem Pharao folgte, ging unter.
Kein Einziger von ihnen blieb am Leben.
29 Aber die Israeliten waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gekommen.
Denn das Wasser stand rechts und links von ihnen wie eine Mauer.
30 So rettete damals der Herr die Israeliten vor den Ägyptern.
Israel sah die Ägypter tot am Ufer liegen.
31 Israel erkannte, dass der Herr die Ägypter mit seiner großen Macht besiegt hatte.
Da fürchtete das Volk den Herrn.
Nun glaubten sie an den Herrn und an seinen Knecht Mose.
3 Freiheit und Befreiung
Ihr Lieben, ich hatte gesagt:
„Die Bibel erzählt von Freiheit zunächst gar nicht als einem Zustand.
Sie erzählt von Befreiung.“
Wir hören von Menschen, die in Ägypten unterdrückt werden.
Von Menschen, die nicht frei sind.
Und von Gott, der sie da herausholt.
Und da haben wir den ersten wichtigen Unterschied:
Freiheit ist kein Besitz. Befreiung ist ein Weg.
Israel ist nicht plötzlich ein Volk, das irgendwo eine Freiheitserklärung unterschreibt.
Israel wird herausgeführt. Schritt für Schritt.
Und dann stehen sie am Meer.
Hinter ihnen die ägyptischen Streitwagen. Vor ihnen das Wasser.
Und da ist zunächst einmal überhaupt nichts von Freiheit zu sehen.
Eigentlich sieht es ziemlich unfrei aus.
Hinten kommt die Macht. – Vorne ist der Weg versperrt.
4 Gottes Befreiendes Handeln
Und dann geschieht das, was wir eben gehört haben:
Gott schafft einen Weg, wo vorher keiner war.
Das Meer teilt sich.
Israel geht hindurch.
Und als die Ägypter ihnen folgen wollen, schließt sich das Wasser wieder.
Das ist ein ziemlich spektakuläres Bild für Befreiung.
Und Psalm 114 legt noch eine Schippe drauf.
Da reicht es nicht, dass das Meer zurückweicht.
Die Berge hüpfen.
Die Hügel springen.
Und am Ende heißt es:
„Du Erde, vor dem Herrn sollst du tanzen.“
Wenn man sich das einmal bildlich vorstellt, ist das fast ein bisschen verrückt.
Warum soll Befreiung nicht verrückt aussehen – sie verrückt ja die Verhältnisse.
Etwas bewegt sich, damit Menschen frei werden.
Das Meer weicht, die Hügel hüpfen.
Veränderte Verhältnisse, davon singt auch Maria:
Sie schaut auf sich und ihr Leben, ihre Herkunft aus Kleinkleckersdorf, ihr unbedeutend-Sein.
Und sie sagt: Gott hat Großes an mir getan.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron. Er hebt die Unbedeutenden empor.
Er gibt den Hungernden Gutes.
Das ist Befreiung.
Und zwar nicht nur die Befreiung eines einzelnen Menschen.
Es geht um die Befreiung von Verhältnissen, in denen Menschen klein gemacht werden.
Es geht darum, dass Menschen wieder aufrecht stehen können.
Dass sie gesehen werden.
Dass sie zu ihrem Recht kommen.
Dass sie leben können.
Das ist ein guter Grund, von Freiheit zu sprechen.
5 Der Vorgang der Befreiung – und dann ist fertig?
Aber jetzt kommt eine Frage, die mir wichtig ist:
Ist damit eigentlich schon alles gesagt?
Ist jede Veränderung der Machtverhältnisse schon Freiheit?
Wenn die Mächtigen vom Thron gestürzt werden – und die bisher Unbedeutenden auf diesen Thron steigen – was passiert dann?
Was, wenn aus den Unterdrückten irgendwann selbst Unterdrücker werden?
Was, wenn einer nur darauf gewartet hat, endlich selbst bestimmen zu können?
Dann heißt Freiheit bestenfalls nur:
Jetzt bin ich dran. Jetzt bestimme ich. Jetzt bist du unten.
Das kann eine Umkehrung der Verhältnisse sein.
Aber es muss noch keine Freiheit sein.
Denn Gottes Freiheit ist etwas anderes.
Das sehen wir schon bei Israel.
Gott führt sein Volk nicht einfach aus Ägypten heraus und sagt:
So. Jetzt macht, was ihr wollt. Ihr seid frei.
Viel Glück und schönes Leben noch.
Nein.
6 Die gesicherte Freiheit
Israel wird befreit, um ein Volk zu werden.
Ein Volk, das miteinander lebt.
Ein Volk, das lernen muss, was Freiheit bedeutet.
Denn Freiheit ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit.
Und Freiheit ist auch nicht dasselbe wie Unabhängigkeit.
Das ist vielleicht eine der schwierigsten Einsichten:
Ich kann frei sein und trotzdem verbunden.
Ich kann frei sein und trotzdem Verantwortung übernehmen.
Ich kann frei sein und trotzdem anderen etwas verdanken.
Vielleicht sogar gerade deshalb.
Maria sagt: „Meine Seele erhebt den Herrn.“
Das ist bemerkenswert.
Sie singt nicht: „Endlich bin ich unabhängig.“
Sie singt: „Gott hat Großes an mir getan.“
Ihre Freiheit beginnt nicht damit, dass sie niemandem mehr etwas verdankt.
Ihre Freiheit beginnt damit, dass sie weiß, wem sie sich verdankt.
Das tönt ein wenig widersprüchlich.
Und doch glaube ich, dass darin etwas sehr Befreiendes liegt:
Ich muss mich nicht selbst erschaffen.
Ich muss nicht selbst dafür sorgen, dass mein Leben einen Wert bekommt.
Ich muss nicht jeden Tag beweisen, dass ich jemand bin.
Ich darf sagen:
Ich bin ein Geschöpf.
Ich bin ein Mensch.
Ich bin Gottes Kind.
Mein Leben ist mir gegeben.
Und gerade deshalb muss ich nicht ständig um meinen Platz kämpfen.
Das ist eine der großen Freiheiten, die Gott uns schenkt.
Nicht die Freiheit von allen Beziehungen.
Sondern die Freiheit, in Beziehungen zu leben, ohne mich selbst darin zu verlieren.
Ich darf ich selbst sein.
Und du darfst auch du selbst sein.
Denn wenn ich meine Freiheit nur darin sehe, dass ich tun kann, was ich will, dann gerät deine Freiheit schnell in meinen Weg.
Dann muss ich meine Freiheit gegen deine verteidigen.
Dann wird Freiheit zum Kampf.
Aber wenn Freiheit ein Geschenk Gottes ist, dann ist sie kein knappes Gut, das weniger wird, wenn andere auch etwas davon bekommen.
Im Gegenteil.
Freiheit wächst, wenn sie geteilt wird.
7 Befreites Leben
Das lässt sich sogar ganz alltäglich beobachten.
Ein Mensch, der lesen und schreiben gelernt hat, ist freier.
Ein Kind, das Zugang zu guter Bildung bekommt, bekommt Möglichkeiten.
Ein Mensch, der seine Meinung sagen darf, kann sich einmischen.
Eine Gesellschaft, in der Menschen miteinander reden können, kann sich verändern.
Und auch Handel kann Menschen miteinander verbinden.
Nicht jeder Wandel geschieht durch große Revolutionen.
Manchmal verändert sich etwas dadurch, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, miteinander arbeiten, miteinander handeln und voneinander lernen.
Wandel durch Handel.
Nicht weil Handel automatisch gut wäre.
Sondern weil Freiheit nicht davon lebt, dass alle voneinander unabhängig sind.
Sie lebt davon, dass Menschen frei miteinander in Beziehung treten können.
Abhängigkeit ist etwas anderes als Verbundenheit.
Zwang ist etwas anderes als Verantwortung.
Und Unterordnung ist etwas anderes als Gemeinschaft.
Eine gelassene Gemeinschaft entsteht dort, wo niemand ständig darum kämpfen muss, größer zu sein als die anderen.
Denn wenn ich weiß:
Meine Freiheit ist ein Geschenk, dann muss ich sie dir nicht wegnehmen.
Und wenn ich weiß:
Du bist genauso frei, dann muss ich dich nicht klein machen.
Biblische Geschichten von Befreiung sind immer auch Geschichten von Gemeinschaft.
Israel wird nicht als Ansammlung einzelner freier Menschen aus Ägypten herausgeführt.
Es wird ein Volk.
Maria singt nicht nur über sich selbst.
Ihr Lied handelt von vielen.
Von den Armen.
Von den Hungernden.
Von den Unbedeutenden.
Von den Generationen.
8 Was nehmen wir mit?
Befreiung ist persönlich.
Aber sie bleibt niemals nur privat.
Und damit komme ich zu einer Frage, die vielleicht näher an unserem eigenen Leben liegt.
Nicht: Sind wir für Freiheit?
Ich glaube, darauf würden die meisten von uns ziemlich schnell mit Ja antworten.
Sondern: Wo bin ich frei?
Bin ich frei von dem Zwang, mich ständig beweisen zu müssen?
Bin ich frei von der Angst, nicht zu genügen?
Bin ich frei, meine Meinung zu sagen – und sie auch einmal zu ändern?
Bin ich frei, Fehler zu machen?
Bin ich frei, Hilfe anzunehmen?
Bin ich frei, mich zu verändern?
Und vielleicht noch schwieriger:
Bin ich frei genug, anderen ihre Freiheit zu lassen?
Kann ich aushalten, dass jemand anders denkt als ich?
Dass jemand anders seinen Glauben lebt?
Dass jemand anders seinen Weg geht?
Dass jemand Dinge anders macht, als ich es machen würde?
Kann ich einem anderen Menschen zugestehen:
Du musst nicht so sein wie ich.
Du darfst du selbst sein.
Gerade daran, dass ich das kann, zeigt sich meine eigene Freiheit.
Nicht daran, wie viele Möglichkeiten ich für mich beanspruche.
Sondern daran, wie viel Freiheit ich anderen zugestehen kann.
Denn wer sich selbst ständig bedroht fühlt von der Freiheit anderer,ist vielleicht noch gar nicht so frei, wie er denkt.
Wer frei ist, muss nicht herrschen.
Wer frei ist, muss nicht gewinnen.
Wer frei ist, muss nicht den anderen kleiner machen.
Wer frei ist, kann loslassen.
Kann zuhören.
Kann teilen.
Kann vergeben.
Kann sagen:
Ich muss nicht alles kontrollieren.
Ich muss nicht alles bestimmen.
Ich darf leben.
Und du darfst leben.
Das ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit.
Nicht die Freiheit: Ich kann tun, was ich will.
Sondern die Freiheit: Ich muss nicht mehr alles selbst machen.
Ich muss mich nicht selbst erlösen.
Ich muss meinen Wert nicht selbst herstellen.
Ich muss nicht über andere bestimmen, um selbst jemand zu sein.
Ich darf darauf vertrauen:
Gott hat mich längst angesehen.
Gott hat mich angenommen.
Gott geht mit mir.
Und aus dieser Freiheit heraus kann ich andere frei lassen.
Paulus wird später sagen: „Zur Freiheit hat Christus uns befreit.“ (Gal 5,1)
Das ist ein merkwürdiger Satz.
Denn wenn Christus uns zur Freiheit befreit hat, dann ist Freiheit nicht das Ergebnis unserer eigenen Anstrengung.
Sie beginnt bei Gott.
Sie ist Geschenk.
Aber ein Geschenk, mit dem etwas geschieht.
Denn geschenkte Freiheit verändert einen Menschen.
Vielleicht nicht immer so spektakulär wie am Schilfmeer.
Bei uns teilt sich nicht jeden Tag ein Meer.
Der Habichtswald beginnt nur selten zu hüpfen.
Und wahrscheinlich singt auch nicht jeden Morgen jemand ein Magnificat über unserem Frühstückstisch.
Klar, Befreiung kann viel kleiner aussehen.
Wenn jemand nach langer Zeit wieder aufrecht steht.
Wenn jemand zum ersten Mal Nein sagt.
Wenn jemand zum ersten Mal Ja sagt.
Wenn jemand mal aufhört, sich selbst kleinzumachen.
Oder sich jemand traut, einen neuen Weg zu gehen.
Wenn jemand vergeben kann. Oder loslassen.
Wenn jemand einem anderen Menschen sagen kann:
Du darfst sein, wie du bist.
Das wäre ein starkes Stück von Gottes Befreiung.
Und wir selbst können diese Frage mitnehmen heute:
Wo bin ich frei?
Wo habe ich erfahren, dass Gott mich aus etwas herausgeführt hat?
Wo hat sich für mich ein Weg geöffnet, wo vorher keiner war?
Wo kann ich heute freier leben?
Und dann die vielleicht noch wichtigere Frage:
Wo kann durch meine Freiheit ein anderer Mensch freier werden?
Das Meer hat sich geteilt. Die Berge haben getanzt.
Maria hat gesungen.
Und Gottes Geschichte mit seiner Welt ist noch nicht zu Ende.
Klar, wir sind nicht die Menschen, die das Meer teilen.
Aber wir können Menschen sein, durch die ein anderer Mensch aufatmen kann.
Wir können Freiheit nicht herstellen.
Aber wir können sie weitergeben.
Wir können sie schützen.
Wir können sie anderen zugestehen.
Und wir können immer wieder neu entdecken:
Ich bin nicht unfrei.
Ich bin nicht allein.
Ich bin Gottes Geschöpf.
Ich bin frei – und du bist es auch.
Darum:
Lasst uns gehen.
Nicht als Menschen, die alles im Griff haben.
Sondern als Menschen, die befreit sind.
Mit offenen Händen.
Mit offenen Herzen.Und mit der Freiheit, die Gott uns schenkt.
Amen.

