Predigt über Mk 14,1-9 :: Todesbeschluss gegen Jesus und Salbung in Bethanien ::
29.03.2026 Palmsonntag :: Pauluskirche Kassel

Zu ihrem Gedächtnis

Teil 1 Einleitung
Ihr Lieben, kennt ihr das?
Ein Geruch – und plötzlich ist alles wieder da. Ein Duft – und du bist zurück in deiner Kindheit.
Oder an einem Ort, der längst vergangen ist. Oder bei einem Menschen, den du vermisst.
Gerüche können das. Sie bleiben.
Sie setzen sich fest – in der Erinnerung, im Inneren, irgendwo tief in uns.
Und manchmal ist es genau dieser eine Duft, der alles wieder lebendig macht.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass es Dinge gibt, die bleiben sollen.
So, dass man sie nicht mehr loswird.
Heute im Gottesdienst sind wir miteinander unterwegs hin zum Karfreitag.

Man könnte sagen: Es wird ernst.
Einen ersten Hinweis liefert der Wochenspruch aus Joh. 3,14b.15:
«Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.»

Wir bekommen es also mit einem Erhöhten zu tun.
Das ist für unsere Geschichte, die wir gleich hören werden, wichtig.
Es fängt zunächst gut an mit dieser Geschichte vom Erhöhten – wir hörten schon vom triumphalen Einzug von Jesus in Jerusalem (Joh. 12,12-19).

Und doch bekommen wir schon eine Ahnung:
Ein Erhöhter – auch ein Erhöhter – muss manchmal tief hinunter ins Menschliche.
Der Erhöhte – und zugleich ganz Mensch. Mit allem, was zum Menschsein gehört.
Mit Erfahrungen, mit Verletzungen, mit dem, was das Leben mit sich bringt.
Also: Der Erhöhte – und zugleich: der so ganz andere Mensch. (Phil. 2,5-11).

Er ist nicht recht zu fassen.
Für uns nicht. Und auch für die Menschen damals nicht.
Die Religionsbehörden verstehen ihn nicht.
Sie können sich nicht vorstellen, dass da einer ist, der nicht für sich selbst handelt.
Und andere fürchten: Wenn das so weitergeht, gerät alles ins Wanken.

Teil Hier setzen wir ein mit unserem Predigttext: Markus 14,1-3: Pläne gegen Jesus
1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der ungesäuerten Brote. Die führenden Priester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit einer List zu verhaften und umzubringen.
2 Sie sagten aber: »Auf gar keinen Fall während des Festes, damit es keine Unruhe im Volk gibt.« Erhöht? Das wird hier gar nicht erwähnt.
Auf jeden Fall ist Jesus bekannt.
Was ja auch schon die Lesung vom Einzug in die Stadt zeigte. Da war echt was los, die halbe Stadt auf den Beinen: um Jesus zu sehen, der Menschen anzieht, neugierig macht.
Fazit: Wir nehmen viele Gegensätze wahr – einer ist ganz offensichtlich:
Das Volk ist teils entzückt – die Regierung: überhaupt nicht.

Teil 3 Theologisches Motiv: Der Sprung (nach Søren A. Kierkegaard)
Wir – wie die Menschen am Straßenrand damals – wünschen oder sehnen zuweilen einen Retter herbei.
Warum nicht einen gerechten König – wie ihn die Menschen in Jerusalem aus den tausend Jahre alten Geschichten ihres Volkes kannten?
Ist der Störenfried der eingespurten Hierokratie der Retter? Gar der gerechte König?
Das findest du nur heraus, wenn du Vertrauen entwickelst. Dahinein, dass es so sein könnte. – Also: Spring!

Das ist viel zu theoretisch oder viel zu verrückt, viel zu quer zu unserer Lebenswelt, um wahr sein zu können?
Wir haben einen gewissen Vorsprung – wir kennen die ganze Geschichte.
Heute, am Palmsonntag, da duftet es schon ganz zart, ganz da hinten, hinter allen anderen Weltgerüchen, nach Ostern.
Nach dem Sieg des Lebens über den Tod und vor allem: nach der Herrschaft des gerechten Königs.

Und nun? – Sich einlassen auf die Idee, dass er es ist.
Der, auf den wir hoffen.
Das geschieht in unserem Text zunächst durch Abwehr: die Anführer der Gesellschaft wehren den Kommenden ab.
Aber es geschieht auch, und dazu kommen wir jetzt, durch sich einlassen.
Also dem kommenden König entgegengehen – proaktiv seiner Herrschaft entsprechend handeln. Springen.

Wir hören nun: Markus 14,4-9: Die Salbung in Bethanien
3 Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen.
Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein.
Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl.
Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.
4 Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander:
»Wozu verschwendet sie das Salböl?
5 Das Salböl war über 300 Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen und das Geld den Armen geben können.« Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen.
6 Aber Jesus sagte: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer?
Sie hat etwas Gutes an mir getan.
7 Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch.
8 Die Frau hat getan, was sie konnte:
Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.

9 Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat.
So wird man sich immer an sie erinnern.«

Die Frau mit dem Fläschchen aus Alabaster, das ein unfassbar kostbares Duftöl aus Narden enthielt, traut Jesus zu, dass er der eine ist. Der herbeigesehnt wird.
Den sie sich als gerechten König vorstellen kann.
Und Könige werden gesalbt. Der Gesalbte = Der Christus.
Sie stellt ihn uns vor – indem sie ihn salbt.
Nicht mit gewöhnlichem Öl, sondern mit einem Öl von königlichem Duft. Ihr Öl birgt den Duft der Gerechtigkeit – der eine würdige Antwort ist auf das Aroma der Welt.

Teil 4 Der Duft, der bleibt
Sie wird aktiv. Und die anderen da bei Simon im Haus?
Die rechnen noch, wägen ab, tragen Bedenken, diskutieren.
Da handelt sie schon längst.
Sie zerbricht das Fläschchen.
Und damit auch das, was die anderen «vernünftig» nennen.
Ein Alabastron – ein Gefäß aus Alabaster – gefüllt mit Duftöl, das ein Jahresgehalt kostet. Und das nun: in einem Moment.
Duftöl – klar, das duftet. Hier ist es ein Duft, der bleibt.
In die Kleidung kriecht, sich in die Haare setzt.
Und noch Tage später in der Luft hängt.
Dieser Duft lässt sich nicht wieder zurückholen oder einsammeln. Zurück ins Fläschchen. Diesen Duft kann man nicht rechtfertigen – sondern nur wahrnehmen.

Teil 5 Zwei Arten, die Welt zu sehen
Und genau hier teilt sich der Raum. Einige da bei Simon im Haus sind auf der einen Seite: Also das – Das ist zu viel. Zu verschwenderisch.
Und zu emotional. Und auch zu wenig hilfreich. Und dann kommen ihre Bedenken:
Man hätte doch…; man könnte doch…; man müsste doch aber…
Auf der anderen Seite: Eine Frau, die einfach tut, was sie kann:
Sie kann nicht alles auf einmal tun, nicht perfekt und nicht strategisch.
Aber sie tut alles, was jetzt, in diesem Moment dran ist.
Jesus sagt nicht, dass sie richtig gerechnet hat oder richtig geplant.
Sondern er sagt: «Die Frau hat getan, was sie konnte» (V 8)
Das ist ein ganz anderer Maßstab.

Teil 6 Der Sprung, ganz konkret
Der Sprung, das Wagnis des Vertrauens, von dem ich vorhin sprach: Hier ist er.
Dieser Sprung ist nicht ein Gedanke – sondern eine Handlung.
Die Frau hier in der Geschichte, sie springt.
Nicht in eine Idee, die sie sich ausgemalt hat – sondern hin zu Jesus.
Ihn salbt sie. Den Christus.
Weil sie ihm etwas zutraut – was die anderen im Raum nicht tun.
Für «die Frau» ist Jesus mehr als ein Prediger.
Und mehr als ein gesellschaftliches Risiko oder ein Problemfall der theologischen Gelehrten.
Nein, sie handelt so, als wäre er wirklich der, von dem alle reden.
Der Gesalbte. Der König. – Der, der geht und doch bleibt.

Teil 7 Palmsonntag riecht schon nach Karfreitag und nach Ostern
Und jetzt wird es fast schmerzhaft:
Denn sie ist die Einzige im Raum, die versteht, was kommt.
Alle anderen wollen festhalten. – Sie lässt los.
Alle anderen wollen retten. – Sie bereitet vor.
Alle anderen denken an Erfolg. – Sie denkt an Abschied.
Und genau darin liegt ihre Größe.
Sie salbt ihn – man könnte sagen, «zu früh!» Aber tatsächlich gerade rechtzeitig.
Denn später am Grab, da, wo dann andere Frauen zu spät kommen, ihn zu salben, da ist er ja schon fort. Der Duft fehlt dort – hier jedoch ist er schon da.

Teil 8 Und wir?
Wo hätten wir gesessen im Haus Simons des Aussätzigen?
Bei den Männern, die rechnen, oder bei der Frau, die handelt?
Bei denen, die am überlegen sind, was sinnvoll wäre?
Oder bei der, die einfach schon längst etwas Gutes tut?
Es geht wohl nicht um eine große Tat – vielmehr um das, was Jesus sagt:
«Was sie konnte.»
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Hinwendung – im Wort, mit einer Geste, ein bisschen Zeit, Nähe und Mut.
Das sind unsere «Fläschchen».

Teil 9 Zu ihrem Gedächtnis und zu unserem
Und dann dieser letzte Satz Jesu: «Man wird sich an sie erinnern.»
Und das Verrückte ist: Man kennt ihren Namen nicht. Und trotzdem kennt man sie.
Warum? Weil ihr Duft geblieben ist.
Wir sehen: das eigentliche Gedächtnis / Gedenken ist nicht der Name.
Sondern das, was von dir ausgeht. Das, was bleibt, wenn du gegangen bist.

Schluss
Palmsonntag.
Alles riecht nach Aufbruch. Nach Hoffnung. Nach König.
Und irgendwo dazwischen liegt dieser Duft.
Ein Duft von Hingabe. Von Mut. Von Liebe, die nicht rechnet.
Nachfolge ist schlicht dies:
vertrauensvoll das Fläschchen zerbrechen.
Und tun, was du kannst.

Amen.