Predigt zu Römer 7,14-25a • 1.11.2026 • Pauluskirche Kassel

1.      Einleitung
Ihr Lieben,  heute treffen sich ganz unterschiedliche Menschen in der Predigt.
Da ist zunächst der Apostel Paulus, der an die Gemeinde in Rom schreibt.
An die denkt er — und das dürfen wir auch tun. Denn zugleich schreibt Paulus auch uns. Einen Brief an die Kinder Gottes.

Zu seiner Zeit hätte man vielleicht ergänzt: an die Heiden, an die Griechen.
Heute wäre es vielleicht: an alle, die denken, dass sie ohnehin nichts bewirken können.
Die Gemeinde in Rom genießt einen guten Ruf. Paulus freut sich über ihren Glauben und hat große Pläne: Er möchte Unterstützung für die Gemeinden sammeln, die er bereits besucht hat und sich eine Basis für seine nächste Reise schaffen.
Er will nach Spanien. Er hat also einiges vor.

Und ausgerechnet dieser Paulus schreibt über seine Unfähigkeit, das Gute zu tun.
Was ist da los?
Nichts weniger als die Sünde soll uns heute erklärt werden.
Und wie wir ein Leben führen können, das dem Evangelium entspricht.
Bei diesem schweren Thema erwarten uns wenigstens zwei Trostpunkte.

Keine Trostpflaster!

2.     Der Predigttext — Röm 7,14-25a

14 Wir wissen ja: Das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt.
Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner menschlichen Natur bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft.
15 Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich.
Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue.
16 Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will. Das beweist:
Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es recht hat.
17 Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt.
Es handelt vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
18 Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes.
Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden, aber nicht die Fähigkeit, es zu tun.
19 Ich tue nicht das, was ich eigentlich will — das Gute.
Sondern ich tue das, was ich nicht will — das Böse.
20 Ich tue also das, was ich nicht will.
Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde.
Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
21 Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit:
Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande.
22 Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu.
23 Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr.
Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme.
Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen.
Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt.
24 Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen.
Kann mich denn niemand davon befreien?
25 Doch! Und dafür sei Gott Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn! [Amen!]

Zunächst hören wir einen Paulus, der an sich selbst verzweifelt.
Er weiß, was gut ist. Er will das Gute tun.
Und trotzdem tut er, was er eigentlich nicht will.
Mein erster Impuls lautet: Ja, dann tu doch das Gute, alter Pharisäer!
Aber so einfach ist es nicht.

Paulus beschreibt einen Zwiespalt, den wir kennen: Wir wissen, was gut wäre.
Aber zwischen der Erkenntnis & dem Handeln liegt zuweilen eine ziemlich große Strecke.
Das Leben ist keine idealtypische Angelegenheit, in der sich die Dinge einfach in die richtige Richtung fügen. Wir müssen Situationen einschätzen, Entscheidungen treffen und mit den Folgen leben.
Da ist es verführerisch, sich selbst auf die Seite des Guten zu stellen: Ich doch nicht!
Ich will doch niemandem schaden. Ich habe doch gute Absichten.
Aber gute Absichten allein garantieren noch kein gutes Handeln.

Das zeigt uns auch die Geschichte aus Matthäus 18, die wir vorhin gehört haben.
Einem Knecht wird eine gewaltige Schuld erlassen.
Er kommt davon, weil sein Herr Gnade walten lässt,
wo Härte rechtlich durchaus möglich gewesen wäre.
Der Mann könnte aufatmen und anderen gegenüber großzügiger werden.
Er hat gerade erfahren, was es bedeutet, wenn Gnade vor Recht ergeht.
Aber kaum ist er draußen, packt er einen Menschen, der ihm eine vergleichsweise
kleine Summe schuldet, an der Gurgel.
Er fordert sein Recht und lässt den anderen ins Gefängnis werfen.
Mit welchem Recht?

Mit dem Recht dessen, der nur noch sieht, was ihm zusteht, und vergessen hat, was ihm selbst geschenkt wurde.
Da möchte man rufen: Ha! Richtig so, dass der Herr ihn zur Rechenschaft zieht!
Aber Paulus interessiert sich für eine andere Frage:
Wie kommt es, dass ein Mensch die erfahrene Gnade nicht weitergibt?
Dass er selbst Erbarmen erlebt und anderen gegenüber unbarmherzig bleibt?
Paulus kennt diesen Widerspruch. Und er nimmt ihn ernst.

3.     Der Apfel und die Schuldfalle

Nun könnte man sagen: Die Sünde ist schuld. Eine Schuldige ist gefunden.
Aber damit ist noch nichts verändert.
Der Knecht will dem anderen ja nicht unbedingt Böses. Er will sein Recht durchsetzen.
Er will. haben, was ihm zusteht.

Da fällt mir die Geschichte von Adam und Eva ein.
Vermutlich wollten die beiden auch nicht die Sünde in die Welt setzen.
Sie wollten einfach den Apfel.
Wen hätten sie damit schon übervorteilen sollen? Es war doch nur eine Frucht.
Allein: Der Apfel ist nicht das eigentliche Problem.
Was wäre, wenn das Problem nicht darin läge, dass wir etwas haben wollen,
sondern darin, wie wir unser Leben organisieren, um zu bekommen, was wir wollen ­
und dabei die Folgen für andere ausblenden?
Menschen möchten gut leben. Sie möchten ein schönes Zuhause, gutes Essen, Mobilität und Sicherheit. Sie möchten, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen selbst.
Das ist nicht verwerflich. Das ist menschlich.

Aber wir leben nicht in einer Parallelwelt, in der wir unsere Bedürfnisse erfüllen können, ohne andere Menschen zu brauchen.
Unser Wohlstand entsteht in Zusammenhängen, die wir oft kaum überblicken. Menschen leisten Arbeit, die unser Leben ermöglicht, und können sich selbst nur einen Bruchteil dessen leisten, was sie herstellen.
Andere tragen die Folgen unseres Konsums, ohne an den Entscheidungen beteiligt zu sein. Wieder andere müssen mit den langfristigen Folgen unseres Lebensstils leben.
Dafür muss niemand morgens aufstehen und beschließen, andere Menschen auszubeuten. Es kann genügen, den eigenen Anteil für selbstverständlich zu halten, nicht genau hinzusehen und die Verantwortung dort zu suchen, wo sie gerade nicht bei uns liegt.

Wir wollen den Apfel. Aber wer pflückt ihn? Wer bekommt den Lohn dafür?
Wer kann sich selbst einen leisten? Und wer geht am Ende leer aus?
Die entscheidende Frage ist nicht nur, was ich will.
Sondern auch, was mein Wollen mit anderen macht.

Wir wissen, dass Menschen nicht ausgebeutet werden sollten.
Dass Kinder und Jugendliche eine Zukunft brauchen.
Dass wirtschaftlicher Erfolg nicht das einzige Maß für ein gutes Leben sein kann.
Und trotzdem finden wir Gründe, warum sich gerade bei uns nichts ändern muss.
Wir zeigen auf andere, die noch mehr haben oder schlimmer handeln.
Wir erklären unsere eigenen Möglichkeiten für zu gering und unsere Ansprüche für selbstverständlich.

Das muss keine bewusste Bosheit sein.
Es kann Bequemlichkeit sein, Angst vor Verlust oder wirtschaftliche Abhängigkeit.
Aber die Folgen verschwinden nicht, nur weil unsere Absichten gut waren.

Gestern gab es eine Demonstration in Kassel. Jugendliche haben sich aufgemacht, um deutlich zu sagen: Was heute entschieden und unterlassen wird, betrifft unser Leben. Wir wollen nicht bloß diejenigen sein, die später mit den Folgen leben müssen.

Ich finde, das ist ein Anspruch, den wir ernst nehmen müssen.
Wenn Erwachsene darauf nur mit Ungeduld reagieren oder jungen Menschen erklären,
sie sollten erst einmal selbst etwas leisten, bevor sie Forderungen stellen, dann stellt sich eine unbequeme Frage: Verteidigen wir gerade die Zukunft aller — oder vor allem unsere eigene Ruhe?
Wo Menschen mit Verantwortung die Lebenswirklichkeit derer aus dem Blick verlieren, die wenig Einfluss haben und die Folgen heutiger Entscheidungen tragen müssen, entsteht eine Trennung: zwischen denen, die entscheiden, und denen, die bezahlen.
Auch das gehört zur Sünde.

4.     Wozu reden wir von Sünde?

Nun könnte man bei all dem verzweifeln. Oder sich schuldig fühlen. Oder feststellen:
So ist der Mensch eben. Da kann man nichts machen.
Und genau hier wird es gefährlich.

Die Rede von der Sünde kann Menschen klein und ohnmächtig machen.
Dann wird aus der Erkenntnis menschlicher Verstrickung eine Ausrede dafür,
nichts verändern zu müssen.
Wir können nichts wissen. Wir können uns nichts zutrauen. Wir können nichts machen.
Solche Sätze klingen vielleicht demütig. Aber sie rechnen nicht mehr damit, dass Gott an uns und durch uns etwas bewirken kann.
Sie sind gottlos.

Paulus bleibt nicht bei der Feststellung stehen, dass er das Gute nicht zustande bringt.
Er benennt seinen Widerspruch und hört nicht auf, nach Rettung zu fragen.
Von Sünde reden wir nicht, um Menschen auf ihr Versagen festzulegen. Wir reden davon, weil. wir die Trennung erkennen wollen, die unser Leben beschädigt: die Trennung von Gott, von unseren Mitmenschen und manchmal auch von dem, was wir selbst als richtig erkannt haben.

Friedrich Schleiermacher hat Sünde als eine Form der Absonderung verstanden:
Der Mensch versucht, aus sich selbst heraus zu leben, unabhängig von Gott und anderen, und beschränkt sich dabei auf die eigenen Interessen.
Doch wir sind nicht unabhängig. Wir leben von Beziehungen, von dem, was andere uns geben, von der Welt, die uns trägt. Wir können uns nicht verhalten, als wären wir niemandem etwas schuldig.

John Wesley hat die Grundregeln christlichen Lebens denkbar knapp gefasst:
Tu Gutes. Tu nichts Böses. Bleib in der Liebe zu Gott.
Das klingt einfach. Und wir wissen, wie schwer es manchmal ist.

Deshalb müssen wir Sünde und Gnade zusammendenken.
Wenn wir alle Bemühungen um Veränderung klein reden, weil wir ja ohnehin Sünder und Sünderinnen sind, machen wir die Sünde zu etwas Unabänderlichem. Wir erklären unsere Verstrickung zum Schicksal und übersehen, dass Befreiung möglich ist.
Nur wenn wir schon mit einem Fuß auf dem Neuland der Gnade stehen,
können wir ehrlich von unserer Schuld reden.
Denn dann müssen wir uns nicht selbst rechtfertigen. Wir dürfen hinsehen, eingestehen, was wir falsch gemacht haben, und darauf hoffen, anders handeln zu können.

5.     Die großen Würfe und die ersten kleinen Schritte

Und damit sind wir wieder bei Paulus.
Er weiß, was gut wäre. Er will das Gute. Und trotzdem findet er sich in einer
Wirklichkeit wieder, die komplizierter ist als seine guten Absichten.
Er ist verstrickt in Gewohnheiten, Abhängigkeiten und Kräfte,
die er nicht einfach aus eigener Kraft abschütteln kann.
Am Ende steht sein verzweifelter Schrei:
0 ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Leben ist dem Tod verfallen.
Wer wird mich retten?

Und dann der Umschwung: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Paulus findet keine neue Erklärung, mit der er sich selbst entlasten könnte.
Er findet den rettenden Christus.
Das ist einer der Trostpunkte, von denen ich am Anfang gesprochen habe: Mitten in seiner schonungslosen Selbstkritik entdeckt Paulus, dass er sich nicht selbst retten muss.
Christus nimmt uns die Wirklichkeit nicht ab. Er macht das Unrecht nicht ungeschehen und erklärt es nicht für belanglos. Aber er legt uns auch nicht für immer auf das fest, was wir falsch gemacht haben.
Wir dürfen die Wahrheit über unser Leben aushalten. Wir dürfen umkehren, um Vergebung bitten und versuchen, etwas wiedergutzumachen. Wir dürfen anderen zugestehen, dass auch sie nicht auf ihre schlimmsten Taten festgelegt sind.

Nicht, weil alles halb so schlimm wäre.
Sondern weil Gottes Gnade größer ist als unser Versagen.
Diese Gnade verdammt uns nicht zur Untätigkeit. Sie setzt uns in Bewegung.
Wir können anfangen, anders zu handeln.
Wir können einander zur Verantwortung ziehen, ohne einander die Möglichkeit zur Umkehr abzusprechen. Wir können nach den Bedingungen fragen, unter denen Menschen leben und arbeiten.
Wir können Veränderungen wagen, auch wenn wir nicht gleich die ganze Welt verändern.
Das sind vielleicht keine großen Würfe. Eher erste kleine Schritte.
Aber sie sind möglich. Nicht, weil wir uns selbst aus der Macht der Sünde befreien könnten, sondern weil Christus uns nicht in ihr zurücklässt.

Gnade bedeutet nicht, dass wir den Apfel behalten dürfen, ganz gleich, wer dafür bezahlen musste. Gnade bedeutet, dass wir nicht länger so tun müssen, als sei unser eigener Anteil das Einzige, was zählt.
Und deshalb ist das Glas bei Paulus am Ende nicht leer.
Er sieht den Widerspruch. Er kennt seine Grenzen. Er beschönigt nichts.
Aber er weiß, dass sein Versagen nicht das letzte Wort hat.
Die Gnade nimmt die Sünde ernst.
Aber sie nimmt ihr das Recht, unsere Zukunft festzulegen.

Amen.

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